12 November 2016

Thema 1

[Kongressthemen]

[Thema 2 : Musikalische Analyse und musikalischer Akt]

[Freie Themen]

Thema 1 : Extrinsische und intrinsische Herausforderungen: welche Zukunft hat die musikalische Analyse?

Der IX. Europäische Kongress musikalischer Analyse (Euromac 9) wird sich insbesondere  Fragen und Herausforderungen widmen, mit denen sich die musikalische Analyse  von außen und innen konfrontiert sieht und die ihre Zukunft bestimmen. Das 2009 in Strasbourg organisierte Kolloquium Die musikalische Analyse heute  und auch das daraus entstandene und den gleichen Titel tragende Gemeinschaftswerk (Delatour France, 2015) haben den Reichtum, die Vielfältigkeit, aber manchmal auch die Heterogenität der Arbeiten und Ansätze offenkundig gemacht. Genährt von einer mindestens bis zum Ende des 19. Jahrhunderst zurückreichenden analytischen Tradition, eingelullt vom Strukturalismus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, verstört durch geistige Strömungen wie die New Musicology ab den achtziger Jahren, sieht sich die musikalische Analyse heute mit den an die Globalisierung, die Dominanz der ökonomischen Modelle und den Veränderungen der sozialen Strukturen gebundenen intellektuellen und politischen Paradigmenwechseln konfrontiert. Die musikalische Analyse ist mit heutigen Problemen verknüpft, die über sie hinausreichen, aber die sie vielleicht auch bedrohen. Wie soll man sich in diesem Zusammenhang die Zukunft musikalischer Analyse vorstellen?

Diese àœberlegung drückt sich in Form eines doppelten Aufrufs aus.

 

Ein Aufruf, den erkenntnistheoretischen Status der musikalischen Analyse als Disziplin zu verstehen

Angenommen, die musikalische Analyse wird als eigenständige Disziplin angesehen, wie es allein durch die Existenz des Europäischen Kongresses musikalischer Analyse und die dort versammelten Wissenschaftler suggeriert wird,  kann diese Disziplin dann als autonom verstanden werden? Zuallererst unterhält die musikalische Analyse Beziehungen zur Musikwissenschaft, die sie veranschaulichen soll, sowohl vom wissenschaftlichen als auch vom institutionellen Standpunkt aus. Inwieweit entspricht sie noch dem von Adler 1885 definierten Zweig der „Systematischen Musikwissenschaft“? Die musikalische Analyse besitzt auch eine lange Tradition des interdisziplinären Dialogs mit den verschiedenen Disziplinen, ausgehend sowohl von den Humanwissenschaften als auch von den sogenannten Exakten Wissenschaften. Was aber ist nun der Einfluss dieser Wissenschaften und ihrer Entwicklung auf die musikalische Analyse selbst?

Da die musikalische Analyse regelmäßig mit der Musiktheorie in Verbindung gebracht wird, sollte man die Funktion dieser im Zentrum des Prozesses und der analytischen Praktiken klären. Ist sie die Bedingung sine qua non der wissenschaftlichen Annäherung an das musikalische Phänomen?

Oder spiegelt die Konfrontation von Theorie – Analyse eher die kulturellen als die erkenntnistheoretischen Unterschiede wider, die sich in einer gewissen Anzahl von nationalen „Traditionen“ oder an geografische und linguistische Bereiche gebundene zeigen? Zeigen solche Divergenzen nicht eine gewisse Form von Unreife und unwissenschaftlichem Status der Disziplin? Steht die Fragmentierung der Analyse in einer mehr und mehr unvereinbaren Vorgehensweise, begleitet von sprachlichen Unverständlichkeiten und  gegensätzlichen Interessen, nicht dem wahren Forschungsgeist konträr gegenüber?

Ein Aufruf zum Denken der neuen Herausforderungen, die die musikalische Analyse in der Zukunft des 21. Jahrhundert berücksichtigen muss

Die Zukunft der musikalischen Analyse wird heute von zwei wesentlichen Herausforderungen bestimmt: die Erweiterung des musikalischen Corpus und die finanzielle Beschränkung der akademischen und der Forschungsmittel. Es stimmt, dass man einerseits einer Erweiterung der analysierten Werke in einer Vielfalt musikalischer Kulturen sehr verschiedener geografischer, historischer und sozialer Herkunft beiwohnt. Wie ist andererseits die musikalische Analyse als Produkt der westlichen Kultur geeignet, von dieser kulturellen Verschiedenheit, aber ebenso von den neuen Kommunikations- und Diffusionsmethoden, die den Zugang erleichtern, ja demokratisiert haben, Besitz zu ergreifen? Allgemeiner gesagt, kann die Analyse die Probleme so offenlegen, dass sie gelöst werden können, wie zum Beispiel die konzeptionelle Leere zwischen den verschiedenen Herangehensweisen?  Oder wie soll die Beziehung zwischen dem Modell und der musikalischen Realität, die sie beschreibt, dargelegt werden?

Zur selben Zeit ist der Stellenwert der musikalischen Analyse im Zentrum der akademischen Welt und der in ihrer Globalität gefangenen Gesellschaft durch die  Forderung nach sofortigen Ergebnissen der Forschung in Frage gestellt. Wie kann in einem durch die unablässigen Budgetbeschränkungen bestimmten Kontext, einem komplexen und überfüllten akademischen Arbeitsmarkt, und noch allgemeiner  einer  Wissensersparnis, die sich vorrangig auf ein unternehmerisches Organisationsmodell stützt, die musikalische Analyse ihre Kapazitäten hinsichtlich der Forschung, der Erneuerung, aber auch im Wissensaustausch beweisen, ohne dabei die Fachkenntnisse, die sie hervorbringt, in Frage zu stellen? Wie kann sie ihre Existenz rechtfertigen, wenn sie aufgefordert wurde, ihre soziale Berechtigung zu beweisen, mitzuwirken an der Arbeitsmarkfähigkeit der in ihr ausgebildeten Studenten und sofortige Ergebnisse hervorzubringen?